OFT SITZT DER PAPA DA UND SCHAUT DEPPERT

KURZGESCHICHTE


Ein Nachmittag im späten August. Einer von der Sorte an dem die Sonne in all ihrer Unbarmherzigkeit herunterknallt, scheinbar versucht allen Zweibeinern das Tempo zu zügeln und dem Leben jegliche Art von Schwere und Kompliziertheit zu nehmen. An Tagen wie diesen, da ist nicht viel. Man selbst ist da auch nicht viel.

 

Man ist halt einfach da.

 

Ich suche an solchen Tagen im elterlichen Garten den Schatten unterm Nussbaum. Dieser Nussbaum war schon immer da solange ich mich erinnern kann. Er hat mich einmal als Kind, beim wilden Schaukeln aus der Hängematte auf die harte Erde katapultiert, aus der damals nur halbherzig ein frischgesäter Rasen gewachsen war. Ein Ereignis, das noch eine Woche später in Form einer stolzen Schürfwunde am Kinn zu sehen war. Im Herbst hat er Nüsse abgeworfen die noch mit dieser grünen, glatten Schale überzogen waren und sich – aerodynamisch wie sie waren – hervorragend dafür eigneten, sie in Piraten- oder Ritterkämpfen mit den Nachbarskindern über den Zaun, die Reling oder die Burgmauer zu schleudern bis es Tränen gab und sich einer entschuldigen musste.

 

Dieser Nussbaum ist heute immer noch da und sein Schatten an ebendiesen heißen Augusttagen, an denen man außer da eben nicht viel ist, eine gute, ja womöglich sogar die einzige, Möglichkeit um zu sein.

 

Ich suche und finde also Schatten unter dem Nussbaum. Mit einem Buch, einer Zeitung, ein bisschen Musik und einem Sommerspritzer, der verleiht einem heißen Augustnachmittag noch die letzte Würze. Dann liege ich so da, unter dem Nussbaum und warte darauf, dass die drückend heiße Luft meine Muskeln lähmt. Grashalme kitzeln in meinen Kniekehlen. Alles flirrt und summt um mich herum. Schwer vorstellbar, dass es Schöneres gibt auf der Welt.

 

Dann kommt der Papa.

 

Barfuß und mit einer Lässigkeit die den Menschen, die die obersten Hemdknöpfe offen lassen nun einmal eigen ist, streift er durch den Klee. Die von der Sonne ausgetrockneten Stellen des Rasens knistern unter seinen Füßen.

 

Er lässt sich auf einem Gartenstuhl neben mir nieder, zwinkert mir zu, bevor er den Blick schweifen lässt. In den Himmel, über die mächtige Krone des Nussbaumes, die Büsche am anderen Ende des Gartens. Aber das war’s dann auch schon. Mehr kommt nicht.

 

Er sitzt. Und schaut.

 

In den nächsten 20 Minuten ändert sich an dieser Situation nichts Gundlegendes. Die spektakulärsten Ereignisse der nächsten 20 Minuten sind folgende: Nach drei Minuten schlägt der Papa das rechte Bein über das linke. Nach sieben Minuten wiederum das linke über das rechte. Nach zwölf Minuten huscht der Nachbarskater durch unseren Garten, was der Papa mit einem kurzen Ah! und Tsts! zur Kenntnis nimmt. Nach 14 Minuten stößt er einen grundzufriedenen Seufzer aus.

 

In der Zeit dazwischen passiert absolut gar nichts.

 

Es macht mich nervös.

 

In einer Zeit in der Leute die sich in der U-Bahn mit einem kleinen Knopf in ihrem Ohr unterhalten von den Grenzen der sozialen Akzeptanz nicht nur eben grade noch eingeschlossen werden, sondern vielmehr fest und unumstößlich in deren Zentrum stehen sind Leute die das nicht tun fast schon verdächtig.

 

Erschreckenderweise sogar der eigene Vater. Was will er von mir? Wieso macht er denn nichts? Wieso liest er nicht was? Zum Beispiel. Oder schneidet sich die Fingernägel. Was weiß ich.

 

Wenn er zumindest noch Raucher wäre, dann würde er halt jetzt hier sitzen und zumindest eine rauchen. Aber so? Nichts tut er jetzt außer sich demonstrativ zurücklehnen.

 

Es ist unerträglich.

 

Irgendwann kommt dann das Pfeifen. Wobei "Pfeifen" schwer übertrieben ist. Es ist kein aktives Pfeifen, nicht jenes bei dem man ihn mit einem triumphierenden Ah jetzt pfeift er! hätte festnageln können, nein es ist eigentlich nicht mehr als ein kräftigeres Atmen durch gespitzte Lippen. Man hört es kaum und dennoch brennt es in meinen Hinterkopf auf niedriger aber ausdauernder Flamme. Ich schließe meine Augen und massiere meine Schläfe.

 

Dieses Dahin-Pusten zwischen Fisch und Fleisch ist zu viel für die Entspanntheit die ich für mich und mein Buch geplant hatte. Und das von dem Mann, der einst versucht hat mich in die Pfeiferei einzuführen. Damals auf der langen Zugfahrt nach Rom auf der ich viel Zeit hatte zu üben. Was ich solange tat bis mir schwindlig wurde. Mir und all den anderen Fahrgästen in unserem kleinen Abteil.

 

„Was schaust?“, frage ich irgendwann. …Denn so deppert?, denke ich heimlich. Die Antwort kenne ich schon doch ist die Frage ein verzweifelter Versuch dem Papa eine ähnliche Belästigung zu sein, die ich selbst durch seine aufdringliche Gelassenheit verspüre. In der Hoffnung meine Frage würde seine innere Ruhe so sehr aus dem Gleichgewicht bringen, dass er in Folge einen anderen Platz zum Schauen suchen würde. Der Plan geht nicht auf.

 

„Nix“, lautet die Antwort. „Ich schau nur.“

 

Ich schau nur. Ein Satz den man sich gewöhnlich für übermotivierte Verkäufer in Kleidungsgeschäften aufhebt, wenn man ihnen höflich mitteilen möchte, dass man nichts zu stehlen, aber höchstwahrscheinlich auch nichts zu kaufen gedenkt und daher die angebotene Hilfe bei der Auswahl und die Auskunft über die neuen Schnitte nicht erwünscht sondern eigentlich eher lästig ist.

 

Unterm Nussbaum heißt der Satz etwas anderes. Aber das lässt sich oft schwer übersetzen für jemanden, dessen Generation diesbezüglich, so scheint es, eine andere Sprache spricht. Eine Generation die von vielen Menschen, auch den intelligenten, in langen Artikeln in den Wochenendausgaben der Quadratmeterblätter zu analysieren versucht wird mit der immer gleichen Conclusio die lautet, dass es sich heute um eine Generation handelt die mehr oder weniger eh schon verloren ist.

 

Ein trauriger Haufen orientierungsloser Individualisten und Karriereschweinen, seien die jungen Menschen von heute. Sie haben weder Ideale noch Idole, lassen sich Wochenende für Wochenende in hippen Clubs von eintöniger Musik sämtliche Synapsen aus dem Gehirn stampfen und frönen ohne jegliche Leidenschaft dem Drogenkonsum. Der narzisstische Wurmfortsatz des 21. Jahrhunderts.

 

Eine Generation die, und das ist vielleicht das Wesentliche, das Sitzen und Schauen verlernt hat.

 

Irgendwann verliert der Papa dann die Lust am Pfeifen und ich fast den Verstand.

 

„Groß ist er geworden der Nussbaum“, sage ich als würde ich über einen entfernten Neffen sprechen den man nur sieht wenn es im erweiterten Verwandtenkreis etwas Rundes zu feiern gibt.

 

Die Offensichtlichkeit der Feststellung ist so lächerlich wie passend.

 

Für eine Weile sitzen wir dann beide so da und schauen deppert. Bald gibt’s Abendessen.