WIE ERNA ROHDIEBL AUS PAMGAGEN IHR HERZ AN DIE NORDSEE VERLOR

EIN HÖRSPIEL

Dieser Text entstand Ende 2016 im Rahmen des ORF-Hörspielwettbewerbs "Textfunken". Er landete auf der Shortlist der 7 besten Einsendungen.


Im Flugzeug

 

(Man hört Flugzeuggeräusche und die knarzige Stimme des Piloten, der durch die Lautsprecher in der Passagierkabine spricht. “Sehr geehrte Damen und Herren, wir beginnen in Kürze mit unserem Sinkflug auf Wien Schwechat. Das Wetter vor Ort ist sonnig, bei derzeit 21 Grad.”)

 

Erna Rohdiebl aus Pamhagen sitzt mit ihren dreiundsiebzig Jahren in einer Boeing irgendwo über Tschechien und fühlt sich wie ein achtzehnjähriges Mädchen. Knackfrisch und besonnen, so wie man sich nur fühlt, wenn man achtzehn ist und das Leben noch nicht die Gelegenheit hatte, einem zu zeigen, dass es auch anders kann. Mit achtzehn ist man mit der Welt versöhnt. Und Erna Rohdiebl ist es auch. In der Boeing. Irgendwo über Tschechien.

 

“Können Sie bitte Ihren Tisch hochklappen? Wir landen gleich”, hört sie die Stewardess sagen, die sich zu ihr hinüber lehnt und der man anmerkt, wie sehr sie sich darauf freut ihr Dauerlächeln in Wien-Schwechat, gemeinsam mit dem roten Kostümchen der Austrian Airlines, abzustreifen.

 

“Söbstverständlich. EntschuidigenS’ bitte. I wor grod gonz wo ondas mit meinem oiden Kopf”, lacht Erna Rohdiebl etwas verlegen. Die Stewardess spannt ihr Dauerlächeln noch weiter über ihr Gesicht. Erna Rohdiebl ist kurz besorgt, über die Falten die dieses Lächeln der jungen Dame der Austrian Airlines über die Jahre ins Gesicht schnitzen wird. Ob die von der AUA eine Entschädigung bekommen? Erna schüttelt ihren Kopf, mit dem sie gerade eben noch ganz woanders war.

 

Der Geburtstag

 

Dass Erna Rohdiebl nun hier sitzt, in der Boeing über Tschechien und sich fühlt wie achtzehn, liegt daran, dass sie vor kurzem dreiundsiebzig wurde. Vor einigen Wochen hatten sich ihr Sohn Stefan und ihre Tochter Marianne in Erna Rohdiebls kleine Pamhagener Küche eingeladen, um das anbrechende vierundsiebzigste Lebensjahr ihrer Mutter zu feiern. Erna Rohdiebl hatte Kaffee und Cremeschnitten aufgetischt. Im Radio sang Rainhard Fendrich von Weizenfeldern und blonden Semmeln. Es war ein heißer Tag im späten September die Plastiktischdecke löste sich geräuschvoll vom Unterarm ihrer Tochter Marianne, als diese ihn anhob und ihr ein Kuvert überreichte.

 

“Alles Gute, Mama!”

“Ah, geh. Hearts doch auf. Wos brauch i denn no?”

“Na Mama, jetzt moch auf”

Erna Rohdiebl kratzte mit ihrem dicken, harten Daumennagel den goldenen Sticker ab, der das Kuvert verschloss.

„Aha!“

„Na, wos sogst?“

„Eintrittskortn?“

„Jo, les amui.“

 

Erna Rohdiebl setzte ihre Lesebrille auf, die wie gewöhnlich an einer silbernen Kette über ihrem üppigen Busen baumelte.

 

„Der König der Löwen. Das Mu-si-cal“, las sie langsam.

„Mutti, des is in Hamburg“, meldete sich ihr Sohn Stefan zu Wort.

„In Hamburg? Jo, wie…?“

„Das Musical spüns in Hamburg. Wir fohrn mit dir noch Hamburg Mama! Noch Deitschlond! Für a Wochenend’!

„Sou weid weg? Mit meiner Hüftn?“

„Mia gengan jo net z’fuaß duat hin“, lachte ihr Sohn Stefan

„Mia fliagn.“

 

Erna Rohdiebl wusste, was ihre Kinder dachten. Aus einem für sie nicht nachvollziehbaren Grund waren ihre Kinder der Ansicht, ihr Alter und ihr künstliches Hüftgelenk, das ihr seit der Operation vor zwei Jahren einen langsamen, schiffartig-schaukelnden Gang verpasste, ein Zeichen dafür wären, dass sie auch in ihrem Kopf nicht mehr ganz fit sei. “Das darf man ihnen nicht übelnehmen”, sagte sich Erna Rohdiebl immer. „Es sind halt Kinder“, sagte sie sich immer. „Aber es sind meine, darum habe ich sie gern.“ Und Erna Rohdiebl wusste ja, dass ihre Kinder im Grunde ihres Herzens nur das Gute wollten.

 

Im Grunde des Herzen ihres Sohnes Stefan, ließ sich das Gute in erster Linie durch folgende Dinge erlangen: Fleischlose Ernährung und monatelange Aufenthalte im Südwesten Indiens, wo er in traditionellen Ashrams seiner spirituellen Erfüllung und inneren Zufriedenheit entgegen meditierte. Im Grunde des Herzens ihrer Tochter Marianne, lag das Gute in erster Linie in einer Praxis hinter der ungarischen Grenze. Diese Praxis hatte ihre Tochter vom Leiden, das ihre schon früh aufgetretenen Schlupflider verursacht hatten, befreit und sie zu einem selbstbewussteren und insgesamt glücklicheren Menschen gemacht. Woraufhin Marianne, ähnlich wie Stefan in seine indischen Ashrams, nun in regelmäßigen Abständen in die ungarische Praxis pilgerte. Die Beziehung Erna Rohdiebls Kinder zueinander war von gegenseitigem Unverständnis für den Lebensstil des jeweils anderen und somit von belächelnder Überheblichkeit geprägt.

 

Für Erna Rohdiebl war es immer noch, nach den dreiundsiebzig Jahren ihres langen Lebens, nach allem was sie erlebt hatte, nach dem frühzeitigen Tod ihres Mannes, der in einem tragischen Unfall beim Nussbaumschneiden erst von der Leiter und später in ein Koma gefallen war, aus dem er nie wieder erwachen sollte, nach ihrer komplizierten aber schlussendlich erfolgreichen Hüftoperation, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs an der Pamhagener Ortsgrenze, nach der Mondlandung, nach ihrem Nachbarn dem Krahwerni Helmut, der zwei Blitzschläge überlebt und seither keine einzige Partie mehr im Schnapsen beim Dorfwirten verloren hatte, nach alledem war es Erna Rohdiebl noch immer das größte Wunder dieser Erde, dass zwei so unterschiedliche Geschöpfe wie ihre Tochter Marianne und ihr Sohn Stefan einst aus ein und demselben, nämlich ihrem, Schoße gefahren kamen.

Mit diesen zwei Geschöpfen reiste sie in einem klaren Oktobermorgen in die Hansestadt.

 

Auf der Reeperbahn

 

(Man hört Straßenlärm: Motorengeräusche, Autos hupen und dazwischen das Gelächter und ausgelassene Geschrei von Menschen, die sich vorgenommen haben, eine gute Zeit zu haben.)

 

Die Reeperbahn hatte sich Erna Rohdiebl anders vorgestellt. Die berühmte Reeperbahn. Sie kannte sie aus Erzählungen von Bekannten die schon da gewesen waren und aus einem sehr unterhaltsamen Groschenroman, in dem die Hauptfigur – ein junger Arzt aus dem Bayrischen Wald – auf der Reeperbahn seinen Junggesellenabschied feierte und allerhand tollkühne Abenteuer erlebte, die ihr, wenn sie zu lange darüber nachdachte, einen rosaroten Schimmer auf die Wangen zauberten. Erna Rohdiebl hatte ein Lichterspektakel erwartet, eine festliche Prachtstraße mit edlen Restaurants und teuren Boutiquen.

Nun stand sie hier, auf einem schmutzigen Gehsteig neben vier lauten Autospuren. Seltsame Gestalten an jeder Ecke. Ein obdachloser Bettler mit nur einem Bein. Eine Gruppe Jugendlicher in zerrissenen Jeans mit großen Hunden ohne Beißkorb und alten Blechdosen in denen Kleingeld klapperte. Eine stark geschminkte Frau in hohen Absätzen – oder war es doch ein Mann? In der Luft, der Duft von schalem Bier und Benzin. Erna Rohdiebl hatte die Welt anders kennengelernt. In Pamhagen, das wusste sie, gab es so etwas nicht. Wahrscheinlich nicht einmal in Eisenstadt. Sie drehte sich nach ihrer Tochter um, um dieser von ihrem Entsetzen über diese schreckliche Straße mitzuteilen.

 

„Marianne, schau dir des on…“

„Marianne?“

 

Erna Rohdiebl drehte sich zweimal im Kreis und versuchte in dem bunten Trubel ihre Tochter wiederzufinden. “Marianne”, rief sie noch einmal. Ein Mann mit Wikingerhut und einem Fußballschal um den Schultern nahm sie kurz in den Arm und sang ihr laut ins Ohr. Die Bierwolke, die ihm dabei aus dem Mund strömte, zerpuffte an Erna Rohdiebls leicht geröteten Wangen. Ihr wurde schlecht. Die ausgelassene Menschenmenge, schob sich immer weiter die Straße entlang und Erna Rohdiebl wurde mit diesem Strom, ob sie wollte oder nicht,  mitgespült.

 

(Man hört, wie sich Erna Rohdiebls Rufe nach ihrer Tochter immer weiter entfernen, bis sie ganz vom Straßenlärm verschluckt werden.)

 

Irgendwann gelang es Erna Rohdiebl sich aus dem Sog der Menge zu befreien und sich in eine ruhigere Seitenstraße zu flüchten. Den einen Arm an der Backsteinfassade eines Hauses gestützt, den anderen in ihre Hüften gestemmt stand sie da und atmete schwer. Was war hier geschehen? Von ihren Kindern weit und breit keine Spur. Die Stadt war ihr fremd, die Nacht im Anbrechen und der Weg zurück ins Hotel längst verloren.

Erna Rohdiebl musste handeln.

 

In einiger Entfernung leuchtete die Reklametafel über einem cremefarbenen Ecklokal. Erna Rohdiebl kniff die Augen zusammen, um der Schrift klarere Konturen zu geben. “Zum Silbersack”, stand da. Sie steuerte darauf zu, wuchtete ihren runden Körper mit zwei beherzten Schritten über die Schwelle zum Eingang und stieß zögerlich die braune Tür auf.

 

(Das Knarzen der Eingangstür. Bargeräusche. Unverständliche Gespräche im Hintergrund.)

 

Erna Rohdiebl musste hustete. Eine dichte Rauchschwade hatte sich ihr entgegen gedrückt. Seitdem auch beim Wirten in Pamhagen das Rauchverbot galt und sie nicht mehr wie früher ihren Kolleginnen bei den Vorstandssitzungen des Musikvereins durch dichten Nebel entgegen blinzeln musste, war sie derartige Räucherkammern nicht mehr gewohnt. Die Decke dieses Lokals war tief, die Tische und Stühle hatten schon bessere Tage gesehen. Ein Bahnhofsbeisl wäre von ähnlichem Komfortstandard. Das Publikum höchst durchmischt. Langhaarige Tätowierte, Männer mit grauen Haaren und roten Nasen und junge Menschen, adrett gekleidet, die sich beschwingt an einem Wurlitzer zu schaffen machten. Erna Rohdiebl fühlte sich ihrer Verwirrung ausgeliefert. An der Bar fragte sie den Mann mit Schiebermütze ob sie telefonieren dürfe

 

“Nee. Telefon is’ kaputt. Sorry”, hieß es da knapp.

 

Erna Rohdiebl wollte es noch einmal versuchen und den Barmann nach dem Weg fragen, doch dieser hatte sich sein Geschirrtuch von der einen Schulter auf die andere geschwungen und sich bereits dem nächsten durstigen Gast zugewandt. Enttäuscht senkte sich ihr Blick auf die klebrige Oberfläche der Bar. Jemand hatte dort einen Sticker angeklebt. „NAZIS, EURE ELTERN SIND GESCHWISTER“, war darauf zu lesen. Erna Rohdiebl wollte gerade darüber nachdenken, was dies bedeuten sollte, als ihr jemand auf die Schulter tippte.

 

“Na, junge Dame? ”

 

Erna Rohdiebl drehte sich um und sah in ein warmes, freundliches Gesicht.

 

“Kann man behilflich sein”, fragte das warme, freundliche Gesicht in einer merkwürdigen, zwischen bärtigen Lippen hervorgepressten Eintönigkeit, die nicht uncharmant klang.

“Moin!” der Besitzer des warmen, freundlichen Gesichts streckte ihr eine Hand entgegen. “Arne Hansen”.

“Erna Rohdiebl”.

“Rohdiebl?”

“Ja, Rohdiebl”

“Sind Sie aus dem Süden?”

“Nein, aus Pamhagen.”

 

Erna Rohdiebl erläuterte Arne Hansen ihr Problem. Seine hellblauen Augen beobachteten sie dabei eindringlich.

 

“In welchem Hotel wohnen Sie denn?” fragte er aus seinem weißen Bart heraus.

“Hotel Hansehof heißt das.”

“Im Hansehof? Ja dann isses ja nich weit.”

 

Arne Hansen versprach der aufgelösten Erna Rohdiebl, sie zurück zu ihrem Hotel zu begleiten. Bestand aber darauf, sie zuerst auf ein Getränk einzuladen. Zur Beruhigung. Erna Rohdiebl zögerte. Nervös spielten ihre Fingen am Reißverschluss des extra für Hamburg gekauften Regenmantels.

 

Arne Hansen lächelte.

Erna Rohdiebl wurde warm ums Herz.

 

Sie bat um einen weißen Spritzer.

 

“Spritzer? Was’n das fürn Zeuch? Ne, aufm Kiez trinkt man Astra. Ich bring dir eines.”

Arne Hansen kam mit zwei kleinen, dicken Bierflaschen zurück, auf deren Etiketten ein Anker gedruckt war. Zielsicher steuerte er einen kleinen Tisch in der hinteren Ecke des Lokals an. Erna Rohdiebl setzte sich und war unsicher, ob sie ihren Regenmantel ausziehen, oder ihn doch lieber anlassen sollte, für den Fall, dass sie, warum auch immer, sich gezwungen sehen sollte, blitzartig das Lokal zu verlassen zu müssen.

 

Erna Rohdiebl verließ das Lokal nicht. Arne Hansens Stimme war weich wie Samt. Das Bier in der kleinen, dicken Flasche schmeckte ihr. Arne Hansen war, so erzählte er, Seefahrer. Früher einmal gewesen. In jungen Jahren, als der Bart noch nicht grau und seine Gelenke noch “besser geölt waren”, wie er es nannte. Er war vom Hamburger Hafen aus in die große weite Welt hinaus gefahren, hatte auf den größten Frachtschiffen dieser Welt das Deck geschrubbt, war monatelang auf hoher See gewesen, hatte fremde Ländern gesehen, weit weg von der Heimat. Sagenhafte Geschichten waren das, die Arne Hansen da erzählte und Erna Rohdiebl war froh, kein Geld darauf wetten zu müssen, wieviel dieser Geschichten wahr und wieviel der Dramatik halber erfunden war. „Aber was ist schon Wahrheit?“, dachte Erna Rohdiebl, als sie zum letzten Schluck aus der kleinen, dicken Bierflasche ansetzte. Noch nie hatte sie einer schöneren Stimme als der des Arne Hansen gelauscht. Am liebsten hätte sie sich eine warme Decke daraus gestrickt.

Sie bestellten noch zwei kleine dicke Bierflaschen.

 

Arne Hansen lächelte.

Erna Rohdiebl wurde noch wärmer ums Herz.

 

Arne Hansen hielt sein Versprechen und brachte Erna Rohdiebl bis vor die große gläserne Eingangstür des Hansehofs.

“Sollen wir uns morgen noch einmal sehen?”, fragte er.

“Naja, morgen muss ich zum König der Löwen.”

“Achso. Nun ja, falls du es dir anders überlegst: morgen Abend bin ich im Hafen. Die Seefahrer streiken. Die kriegen nämlich kaum mehr Geld heutzutage, weißt du? Wir alten Seebären müssen die Jungen bei ihrem Kampf manchmal noch unterstützen.”

“Gute Nacht, Arne Hansen”

“Gute Nacht, Erna Rohdiebl”

 

Die Magenverstimmung

 

(Man hört das Klopfen an einer Holztür.)

 

“Mutti? Mutti? Konnst di bitte a bissl tummln! Die Vurstöllung fongt boid on und wenn ma hiaz nit gleich gengan donn kimma z’spät!“

 

Ihre Tochter Marianne klopfte immer ungeduldiger an die Hotelzimmertür, als sich Erna Rohdiebl dazu entschloss etwas zu tun, was sie schon sehr lange nicht mehr getan hatte. Das letzte Mal war sie ein junges Mädchen gewesen, übermannt von der Angst vor dem strengen Deutschlehrer und dem bevorstehenden Test. Sie täuschte eine Magenverstimmung vor. Sie war nicht stolz darauf, aber es musste sein.

Im Gesicht ihrer Tochter Marianne wich die Ungeduld blitzartig der Sorge, als Erna Rohdiebl die Tür öffnete, eine Hand auf ihren Bauch legte und die andere in leidender Schwäche zittern ließ.

 

“Geht’s bitte ohne mi. I wü eich net den Obnd vaderben. I werd mi ausruhen und mi schonen”. Ihre Tochter Marianne küsste sie zum Abschied und versprach, ihr im am nächsten Morgen alles zu erzählen.

 

Der Hafen

 

Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, wartete Erna Rohdiebl zwanzig Minuten, bevor sie das Gebäude verließ. Sie hatte ihre rote Bluse angezogen und etwas mehr Parfüm als notwendig aufgetragen. Als sie ihr Zimmer schon verlassen und den halbem Weg Richtung Aufzug zurückgelegt hatte, machte sie kehrt. Im Badezimmer stand sie vor dem Spiegel und atmete tief ein. Langsam zog sie zwei Ringe von ihrem Finger. Sie küsste sie bevor sie sie behutsam auf die Porzellanoberfläche des Waschbeckens legte.

 

“I glaub, du dats erm a megn, Ferl”

 

Erna Rohdiebl musste schnellstmöglich zum Hafen. Wie in den Filmen, die in Großstädten spielten, stellte sie sich an den Straßenrand und hielt mit einem wild durch die Luft schwingenden Arm ein Taxi an.

 

“Zum Hafen, bitte.”

 

Schon von weitem sah sie eine Menschenmenge die sich um ein kleines Podest versammelt hatte. Arne Hansen stand darauf und sprach in ein Mikrophon. Seine Stimme war genauso schön wie gestern, in der verrauchten Hamburger Kneipe. Heute war sie jedoch ernster und bestimmter. Sie bahnte sich ihren Weg durch die Menge der Trillerpfeifen und Transparente. Erst einmal hatte Erna Rohdiebl Menschen in derartigem Aufruhr erlebt. Vor einigen Jahren, als ein neu geplantes Stoppschild dafür gesorgt hatte, dass in Pamhagen die Wogen hochgingen. Eines Nachts war ein Trupp aufgewühlter Pamhagener Männer vom Wirten aufgebrochen und zum Haus des Bürgermeisters marschiert, um dort ihrem Ärger über die Pamhagener Verkehrspolitik öffentlich Ausdruck zu verleihen.

 

Im Hamburger Hafen stand Erna Rohdiebl nun mitten im Geschehen. Sie war gebannt von Arne Hansen und ergriffen von seinen Worten. Wie er da stand in all seiner friesischen Pracht, dem weißen Bart und der Fischermütze, mit dieser Leidenschaft, die er in jedes seiner Worte legte. Erna Rohdiebl wusste nicht viel über die Ozeane dieser Welt. Aber sie wusste, dass, wenn es stimmte, was Arne Hansen erzählte, es ihr im Herzen wehtat. So wenig Bezahlung für ein so hartes Leben auf hoher See. Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit war das. Erna Rohdiebl peitschte die Wut durch den Magen. Als Arne Hansen seine Rede beendet hatte reckte er eine geballte Faust in die Luft.

“Ahoi!” rief erst Arne Hansen, dann das gesamte Publikum und schließlich auch Erna Rohdiebl. Irgendjemand hatte ihr in dem Trubel ein Plakat in die Hand gedrückt auf dem Dinge standen, auf die sie sich keinen Reim machen konnte. Aber das spielte keine Rolle. Erna Rohdiebl wusste, dass diese Menschen hier, genau wie ihr Sohn Stefan im indischen Ashram, genau wie ihre Tochter Marianne in der ungarischen Praxis, genau wie die Pamhagener Männner in ihrem Ärger über das Stoppschild, nur das Gute wollten. Und Erna Rohdiebl wollte es auch.

 

“Ahoi!” rief sie immer lauter und stach dabei mit ihrem Plakat rhythmisch in die Luft, wie der Leiter der Pamhagener Blasmusikkapelle seinen Taktstock. Als Arne Hansen Erna Rohdiebl in der Menge erblickte wurde sein ernster Blick mit einem Mal sanft, so wie gestern in der Hamburger Kneipe.

 

Und Erna Rohdiebls Herz wurde groß wie ein Heißluftballon.

 

Erna und Arne

 

(Herzschlag.)

 

Arne Hansens Bett war warm und weich. Der Gedanke, es irgendwann wieder einmal verlassen zu müssen lächerlich. Erna Rohdiebl wagte es nicht die Augen zu öffnen. Auf ihrem nackten Schlüsselbein spürte sie Arne Hansens Finger. Sie musste schmunzeln, als sie an ihre beiden Kinder dachte, die wohl gerade in den Rängen des Musical Theaters neben ihrem leer geblieben Sitzplatz saßen und ihre Mutter bemitleideten, weil sie dachten, dass diese im Hotelzimmer mit Kamillentee und Rosamunde Pilcher ihre Magenverstimmung kurierte.

Stattdessen lag sie hier im Bett eines Seemannes, der an der Innenseite seines rechten Oberarmes einen stolzen Anker tätowiert hatte und der Dinge mit ihr machte, die er, so dachte zumindest Erna Rohdiebl, wohl bei den Frauen in Brasilien gelernt haben musste.

Arne Hansen! Was für ein Mann. Er war nicht nur Mann. Er war Seemann! Einer, der alles gesehen hatte in seinem Leben. Fremde Länder, tropische Stürme, die unendliche Weite des Ozeans. Ein Mann, dessen Hände so rau waren wie die See rund um Kap Horn und dennoch so zart sein konnten, als wollten sie einem Schmetterling das Spielen auf einer winzigen Violine beibringen.

 

“Arne”, seufzte Erna.

“Erna”, seufzte Arne

 

Heimflug

 

Auf dem Heimflug sah Erna Rohdiebl aus dem Fenster und blickte auf die mächtige Elbe, die sich mit ihren unzähligen Kanälen in die Stadt hineinfraß als hätte sie seit Tage nichts gegessen. Ihre Tochter Marianne beugte sich nach vorn, um ebenfalls einen Blick zu erhaschen.

“Schau Mama, do siachst in Hofn. Schau da de vüln Kräne on. Die vüln Schiffe. So a Seemannsleben. Des warat nix für mi.”

“Des glaub i a”, schmunzelte Erna Rohdiebl, versank zurück in ihren Sitz und gab sich einem wunderbaren Tagtraum hin.