DIE SPRACHVERGIFTUNG

Kurzgeschichte von Johanna Sebauer

(Auszug)

 

Der tropfende Kochlöffel rutschte Geraldina Montevastino aus den knorrigen Fingern und klatschte auf die Küchenfliesen, als sie mit Schrecken feststellte, dass ihr Mann nicht mehr sprechen konnte. Neugierig über das dampfende Ragù gebeugt, stand er neben ihr, bewegte zwar den Mund, aber war nicht mehr zu verstehen. Fabrizio Montevastino, ein stattlicher Mann von neunundsiebzig Jahren und erstaunlich vollem Haar, genoss in dem kleinen süditalienischen Bergdorf durch seine lukrativen, jedoch nicht ganz lupenreinen Geschäfte mit chinesischen Olivenölimporteuren ein hohes Ansehen. Auf jedem Dorffest reichte man ihn herum, klopfte auf seine Schultern und lauschte in Andacht seinen mit großer Raffinesse vorgetragenen Reden. Nun gab er nur noch Laute von sich. Er stöhnte und lallte mit schwerer Zunge. Seine Stimme brummte mal tief und ölig, dann wieder quietschte sie schrill, als käme sie direkt aus seiner Nase.

 

 

 

Für einen kurzen Moment war Geraldina Montevastino an die Kuh des Nachbarn erinnert, die im Vorjahr mit drei Kälbern gleichzeitig niedergekommen war und dabei gebrüllt hatte, dass in der ganzen Gasse bis hinauf zur Piazza Infame die Fenster in den Angeln gescheppert hatten. Wie dieses armselige Vieh klang er nun, ihr Mann.

 

 

 

Fabrizio Montevastino hastete durch die kleine Küche. Die Augen in Panik weit aufgerissen tappte er mit seinen tellergroßen Händen im Gesicht herum, zog an seinen faltigen Wangen, schob den Unterkiefer hin und her. Fast so, als suchte er dort einen Ausschalthebel für diesen seltsamen Spuk, der so plötzlich über ihn gekommen war und der ihn mehr zu überraschen schien als seine Frau. Denn Geraldina Montevastino begriff schnell. Sie warf die Arme in die Luft und stieß einen kurzen lauten Schrei aus, bevor sie zum Hörer griff und die Nummer der Dorfärztin wählte.

 

 

»Mein Mann hat einen Schlaganfall«, keuchte sie in die Sprechmuschel.

 

 

Es war ja kein Wunder. Allein im letzten Jahr hatte es im Dorf drei Männer erwischt. Der Gemüsehändler Lorenzo Morelitti hatte eines Abends beim Zwiebelschneiden seine liebste Puccini-Arie derart falsch gesungen, dass dessen Frau Maria-Carina sofort gewusst hatte, was Sache war und, ohne erst nach ihrem Mann zu sehen, direkt aus dem Nebenzimmer die Ärztin angerufen hatte. Sebastiano Fortebello, den Bäckerssohn, hatte es nur leicht getroffen. Er war für eine Wanderung in den Bergen gewesen, als es passierte. Erst sieben Tage später fanden ihn die Kinder von Frau Barozzi beim Spielen im Wald, vollkommen zerzaust und mit drei Zähnen weniger im Mund, in einem Baum sitzend. Für Massimo Portazzo war jede Hilfe zu spät gekommen. Ihm fuhr, so erzählte man sich auf der Piazza, der Schlag beim nur noch sehr seltenen, aber wenn, dann doch sehr intensiven Liebesakt mit seiner um zwanzig Jahre jüngeren Geliebten durchs Hirn und tötete ihn auf der Stelle. Nun also war ihr Mann an der Reihe. Geraldina Montevastino sandte Stoßgebete an Padre, Figlio, Spirito Santo und alle Heiligen, die ihr auf die Schnelle einfielen, und führte den aufgebrachten Fabrizio Montevastino zu einem Stuhl. Sie küsste seine Stirn und stellte den Herd ab, auf dem noch die Pomodori blubberten.

 

 

Dr. Camilla Valeroni schob sich schnaufend in die Küche, die sie mit ihrem massigen Körper fast zur Gänze ausfüllte. Konzentriert tastete sie Fabrizio Montevastinos Hals ab, leuchtete in seine Augen, bat ihn, breit zu lächeln, ließ ihn die Arme heben, seinen ausgestreckten Finger zur Nase führen.

 

 

»Seltsam«, murmelte sie dabei mehrmals. »Ganz seltsam.«

 

 

Sie stellte Fragen, die Fabrizio Montevastino mit lallenden Lauten krampfhaft zu beantworten versuchte. Je mehr er es versuchte, desto flehender wurde sein Blick. Wütend schlug er mit der Faust zuerst auf den Tisch und dann gegen seinen eigenen Kopf.

 

 

»Das Sprachzentrum scheint schwer geschädigt zu sein«, sagte Dr. Valeroni, während sie die Hände des Fabrizio Montevastino festhielt, um zu verhindern, dass er sich in seiner Verzweiflung selbst verletzte.

 

 

Eilig bat sie Geraldina Montevastino um Stift und Papier.

 

 

»Signore Montevastino, wie alt sind Sie mit dem heutigen Tage?«

 

 

Fabrizio Montevastino schrieb mit der Handschrift eines Mannes, der selten einen Stift zwischen den Fingern hielt, die Zahl Neunundsiebzig auf das Blatt. Dr. Valeroni sah Geraldina Montevastino an. Sie nickte.

 

 

»Gut. Welches Datum haben wir heute?«

 

 

Fabrizio Montevastino dachte kurz nach, schrieb dann aber das korrekte Datum auf. Die Ärztin nickte zufrieden.

 

 

»Jetzt schreiben Sie bitte den heutigen Wochentag auf.«

 

 

Fabrizio Montevastino schrieb und schob den Zettel über den Tisch. Darauf stand etwas, das weder Dr. Valeroni noch Geraldina Montevastino entziffern konnten. Es war eine willkürliche Aneinanderreihung von Buchstaben, die keinen Sinn ergab. Fabrizio Montevastino blickte nervös zwischen seiner Frau und Dr. Valeroni hin und her und schrie lallend Unverständliches in den Raum. Dann zog er das Blatt Papier wieder zu sich, tippte mit seinem behaarten Zeigefinger auf das Geschriebene und schrie noch lauter, als wäre er dadurch besser zu verstehen.

 

 

»Ich fahre jetzt sofort mit Ihrem Mann ins Krankenhaus hinunter in die Stadt.«

 

 

Geraldina Montevastino legte beide Hände über den Mund. In ihrem Augenwinkel glitzerte die erste Träne. Dr. Valeroni breitete ihren Arm um ihre zitternden Schultern.

 

 

»Alles wird gut«, sagte sie. »So Gott will, wird alles gut.«

 

 

Ihr schwerer Tabakatem tanzte um Geraldina Montevastinos feuchte Wangen.

 

(...)

 

 


Die vollständige Geschichte ist zu lesen im ZIEGEL #17, dem Hamburger Jahrburch für Literatur 2021, erschienen im mairisch Verlag.